Als Praktikant war der Geographie-Student Wolfgang Müller in Guadalajara. Er erlebte an seinem Praktikumsplatz zunächst einen klassischen Kulturschock, ehe sich sein Aufenthalt zu einem sehr lehrreichen wandelte.

 



















 
 
Von den ersten Enttäuschungen...

Ich habe im Frühjahr 2000 ein Geographie-Praktikum in dem kleinen Stadtplanungsbüro des Architekten Isidro Velasquez in Zapopan, im Westen Guadalajaras, gemacht. Als ich in Guadalajara ankam, wusste ich nicht viel mehr als den Namen meines Chefs - und dass ich ihn erst einmal treffen musste. Das war schon einmal gar nicht so leicht, denn Isidro erwies sich als viel beschäftigter Mann, der täglich zwischen mehreren Büros und Wirkungsstätten hin und her pendelte und dementsprechend schwer erreichbar war. So dauerte es erst einmal drei Tage, bis ich ihn das erste Mal zu Gesicht bekam. Ich konnte also schon einmal etwas Wichtiges üben: Geduld.
 

Als Isidro dann endlich vor mir stand, ging er nach kurzer Begrüßung ohne Umschweife dazu über, mir Aufgabe und Zielsetzung des Büros zu erklären und, worin er die möglichen Betätigungsfelder eines Praktikanten dabei sähe. Während es so aus ihm hervorsprudelte und er viel über das Planungsgesetz des Staates Jalisco sprach, machten wir eine Führung durchs Büro. Einige Karten und Ordner wurden auf dem Tisch ausgebreitet. Bis dahin hatte ich außer meinem Namen noch nicht viel gesagt. Aha, dachte ich mir: Die Uhr dieses Menschen tickt schneller, als Uhren das üblicherweise in Mexiko tun.

 

Überfordert versuchte ich, so viel wie möglich zu verstehen, was nicht viel war am Anfang, und hakte hier und da nach, was mich nicht schlauer machte für den Moment. Bepackt mit einer Kopie des "Ley del Desarollo Urbano del Estado de Jalisco" und einem großen "?" im Kopf, ging ich nach Hause und ließ mich von meiner Gastfamilie trösten. Das war also der erste Arbeitstag.

 
...über kleine Erfolge...
 

Mit der Zeit begriff ich, dass Isidro mir erst einmal die verschiedenen planerischen Maßstabsebenen, die für den Staat Jalisco definiert worden waren, vermitteln wollte. Ich sollte mir ein Bild davon machen können, auf welcher planerischen Ebene meine Arbeit ablaufen würde und in welchem räumlichen Zusammenhang die Gemeinde Zapopan und die Stadt Guadalajara zu sehen sind. Wenn man - wie ich - aus München kommt, dann macht es eben schon Sinn, sich z. B. einmal bewusst zu machen, dass Guadalajara viermal so viele Einwohner hat als München und dass auch die Probleme andere Dimensionen haben als dort.

Wer Ordnung und Logik in Guadalajara sucht, wird sich schwer tun. Es fängt damit an, dass es keinen Fahrplan für die öffentlichen Busse gibt, und hört damit auf, dass auch Taxifahrer häufig den Weg nicht genau kennen. Um sich zurechtzufinden, braucht man Experimentierfreudigkeit. Aber: "Die Straße weiß alles." Das heißt, es gibt überall Leute, die einem weiterhelfen.

 
Im Endeffekt war mein "Baby" dann die "Evaluación del Centro Barrial Ciudad de los Ninos". Das heißt, ich machte so etwas wie eine Stadtteil-Diagnose. Ich beobachtete und kartierte beispielsweise die Nutzungen der Gebäude in bestimmten Zonen des Stadtteilzentrums "Ciudad de los Ninos" und verglich die Ergebnisse mit den Nutzungsvorgaben des Stadtplanungsgesetzes des Staates Jalisco. Um zusätzliche Daten zu erhalten, besuchte ich einige Male das INEGI, das mexikanische Pendant zum hiesigen Statistischen Bundesamt. Immer wieder gab es Probleme, aber das Ganze fing an, immer mehr Spaß zu machen, weil man endlich mal das Gefühl hatte, etwas zu tun, und nicht nur wie in der Uni zu Hause den Stoff vorgekaut bekam.
 
...und entscheidenden Lehren...
 
Im weiteren Verlauf des Praktikums war ich froh um jede Sekunde Spanisch-Unterricht, die mir bis dato erteilt worden war, denn Isidro ist von Natur aus Schnellsprecher, und als solcher schafft er es nur seltenst, langsam zu sprechen. Die ersten zwei Wochen brauchte ich, um mir etwas vom nötigen Spanisch-Grundwortschatz der Stadtgeographie (Stadtviertel, Häuserblock, Grundstück, Eigentumswohnung, Mietwohnung usw.) anzueignen sowie mir den Bürocomputer zum Freund zu machen. Da Isidro tagsüber meistens in seinem Haupt-Büro am anderen Ende der Stadt war, galt die Devise: Hilf dir selbst! Oft war das nervig, denn es bedeutete Zeitverlust, aber ich bin froh um die Erfahrung, wie viele Dinge man selbst auf die Reihe kriegt, wenn man nur muss. Ich hatte mittlerweile zwar für Notfälle Isidros Handy-Nummer, aber selbst wenn man einigermaßen Spanisch spricht, ist es schwierig, vor allem technische Probleme auf Spanisch übers Telefon zu diskutieren.
 
...zu einem sehr positiven Fazit!
 
Auf die Frage, ob man dafür so weit reisen sollte, sage ich: Unbedingt! Denn in Mexiko ist einfach alles anders als zu Hause in Deutschland, und das macht die Sache so spannend. Indem man sehr viel Zeit in Guadalajara verbringt, lernt man einen Ausschnitt mexikanischen Alltags intensiv kennen. Das ist mal etwas anderes, als kreuz und quer durchs Land zu pilgern und nur die Oberfläche der Dinge wahrzunehmen. Die Gastfamilie, bei der ich wohnte, war sehr nett und gab mir das Gefühl, nicht nur Gast, sondern Teil der Familie zu sein. Man bekam hautnah mit, wie sehr das Familienleben in Mexiko in Ehren gehalten wird, und es war schön zu erkennen, dass sich die Familienmitglieder untereinander halfen, wo immer sie konnten. In Mexiko bilden die Familien dort, wo der Staat versagt, ein soziales Netz. Man konnte auch die starke Verdrossenheit und Gleichgültigkeit gegenüber der nationalen Politik spüren, gerade bei jungen Leuten. Laut den Auskünften einiger Mexikaner macht die Korruption im Lande viele Hoffnungen kaputt.
 

Bei der Arbeit im Büro war ich oft hin- und hergerissen, und mir kamen Gedanken wie: "Mensch, draußen sind 40 Grad im Schatten, und du hockst hier und hackst am Computer rum, du hast doch Semesterferien, 200 km westlich sind Traumstrände, fällt dir nichts Gescheiteres ein?" Aber als Entschädigung gab es ja die Wochenenden, für deren reibungslosen Ablauf gleich mehrere Mexikaner und Deutsche vor Ort gesorgt hatten und die immer super waren. Strand, Vulkan, Archäologie und Kultur, verabreicht in Wochenend-Packungen, waren für mich die Abrundung eines Praktikum-Urlaubs, den ich nie vergessen werde.


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